HNA-Ausgabe Kassel

Freitag, 16. August 2013
aus dem Artikel oben

VON JÖRG STEINBACH

KASSEL. Einst war der Rührfix in fast jedem Haushalt zu finden. Der Glasbehälter mit den zwei Metallquirlen, die per Handkurbel gedreht wurden, verschwand erst in den 1970er Jahren aus den Küchen, als sich elektrisch betriebene Küchenmaschinen immer mehr durchsetzten. Erfunden und in den Anfangsjahren produziert wurde der „Original Rührfix“ in Kassel.

Der Ingenieur August Heinzerling hatte 1937 das Patent für seine „Rühr- und Schlagvorrichtung“ bekommen. Zuerst produzierte Heinzerling das Gerät mit tatkräftiger Hilfe von Familienmitgliedern zu Hause, Am Hange 41, in der Riedwiesensiedlung, hat Dr. Bettina Becker, in Kassel tätige Dozentin für Kultur- und Designgeschichte, herausgefunden.
Bereits 1936 hatte Heinzerling seinen Küchenhelfer auf der Leipziger Mustermesse präsentiert, was die Nachfrage kräftig angekurbelt hatte. Der Erfinder musste neue Produktionsräume am Berliner Platz anmieten, wo 1937 bereits täglich rund 100 Rührfixe hergestellt wurden. Heute befindet sich in diesen Räumen im Haus Tannenkuppenstraße 19 die Gaststätte „Berliner Keller“.

Wenige Monate nach Ausbruch des Zweiten Weltkriegs wurde die Produktion wegen Materialmangels eingestellt. Beim Bombenangriff im Oktober 1943 wurde auch das Wohnhaus der Heinzerlings zerstört. Die Familie mit den Kindern Karl und Gudrun fand im Kloster Haydau in Morschen eine neue Unterkunft. Dort begann August Heinzerling nach Kriegsende mit dem Wiederaufbau seiner Firma, baute Universalwerkzeugmaschinen und produzierte ab 1949 auch wieder den Rührfix.
Obwohl die handbetriebene Küchenmaschine zur Zubereitung von Schlagsahne, Eischnee, Rührkuchenteig, Mayonnaisen oder Mixgetränken in den 1970er-Jahren wegen neuer Elektrogeräte aus der Mode kam, wurde der Rührfix noch bis 1997 in Morschen produziert – insgesamt rund acht Millionen Stück.

Das Aus kam 2004

Nach dem Mord an Renate und Karl Heinzerling, der das Unternehmen Heimag von seinem Vater übernommen hatte, versuchte Großneffe Walter Christian Heinzerling im Jahr 1997, die Firma wiederzubeleben. Zeitweise wurde der Rührfix als Kultgerät vom Edel-Versandhaus Manufactum vertrieben.
Doch 2004 kam das endgültige Aus für das Unternehmen, das in der Spitze 140 Mitarbeiter beschäftigt hatte. Die Reste der insolventen Heimag wurden versteigert – darunter auch die letzten Paletten mit dem Haushaltsklassiker Rührfix.

Der Rührfix war sein Meisterwerk

Der 1899 in Kassel geborene Schlossermeister August Heinzerling war 1923 in die USA gegangen und hatte neben seinem Ingenieurstudium als Konstrukteur bei Studebaker und beim Autohersteller Ford gearbeitet. 1934 kehrte er in den Kasseler Stadtteil Kirchditmold zurück und gründete eine eigene Firma, um die von ihm entwickelten Produkte herzustellen und zu vermarkten. Der Glasbehälter mit den zwei Metallquirlen, die per Handkurbel gedreht wurden, wurde als „Rührfix“ ein legendärer Haushaltshelfer. August Heinzerling, der das Unternehmen an seinen Sohn Karl übergeben hatte, starb 1989. Die Tochter von August Heinzerling, Gudrun Reichmann (71), lebt in Altmorschen, ist bis heute als Künstlerin tätig und betreibt die Töpferei am Heide-Hügel.


August Heinzerling Erfinder und Unternehmer
(* 19. Februar 1899 - † 1. August 1989)

Familie und Freunde vermissen ihn sehr, den liebenswerten, hilfsbereiten Mann. Mittelgroß, Sportsmann von Jugend an, drahtig und philosophisch, der immer das Beste im Mitmenschen suchte. Sein Augen-leiden schmerzte ihn viele Jahre. Er war im späten Alter fast blind, konnte nicht mehr lesen und beschäftigte sich so über Kassetten mit dem neuesten Stand der Wissenschaft, der Weltraumforschung insbesondere. Und er dichtete bis zuletzt.

Das ist unser August Heinzerling gewesen, der 90 Jahre alt wurde und für alle Vereine, alle Nachbarn, aber vor allem auch für die Mitarbeiter seines Betriebes, zugänglich und hilfsbereit war, und es auch blieb, als er 1973 seinem Sohn Karl das florierende Unternehmen Heimag überließ. Was für ein erfolgreiches Leben hatte er da bereits hinter sich!

Seine Vorfahren stammten aus Altmorschen. Der Vater ging nach Kassel und war bei der Reichsbahn beschäftigt. Hier wurde August am 19. Februar 1899 geboren, besuchte die Schule, machte noch den 1. Weltkrieg bei der Kaiserlichen Kriegsmarine mit. Sein Ziel war, Deckoffizier zu werden. Das Ende des Krieges brachte neue Zielsetzungen. Er setzte seine Ausbildung fort und ging als Meister, dann Ingenieur in die USA von 1923 bis 1924 und 1930 bis 1931. Hierher kehrte er auch bis ins hohe Alter gern zurück und pflegte Freundschaften.

Sein Beginn in Kassel war die erste seiner Erfindungen, der Rührfix, von dem bis 1985 rund 7 Millionen in alle Welt gingen. Um Weihnachten 1937 heiratete er seine Frau Käthe. Da wurde der Rührfix schon drei Jahre, seit 18.Oktober 1934 in der kleinen Wohnung hergestellt. Der 2. Weltkrieg kam. August Heinzerling wurde bei Henschel eingesetzt. Die Bombennacht in Kassel zerstörte Wohnung und Kleinbetrieb. So, wie er einst in Leipzig seinen Rührfix mit Handwagen durch die Stadt zum Messestand fuhr, so kehrte er nun in die Heimat Altmorschen 1945 mit dem Kinderwagen zurück, darin Sohn Karl und Tochter Gudrun, an der Seite seine Käthe. Und er fand wieder Heimat im großelterlichen Haus. In den Schweineställen des einstigen Klosters, späteren Domäne Haydau, baute er bald aus Restbeständen von Wehrmacht und US-Geräten ein kleines Unternehmen auf.

Sein Erfindergeist ließ ihn nicht ruhen. Oft war er Gast beim Patentamt in München. Dem Original Rührfix folgten die Mehrzweckmaschinen Heimag A 5 und Heimag A 6, Zwiebel- und Gemüseschneider Cutfix, die Zitronenpresse Zi-Do, das Patent für eine Spezialspritzgußmaschine mit Rundschalttisch. Unter anderem besaß er auch noch einige Rechte aus Gebrauchsmu-sterschutzanmeldungen. Auch das Gerät Boromat zum staubfreien Bohren mit Bohrmaschine wurde entwickelt.

Den eigenen Maschinen aus Wehrmachtsnachlaß folgte in den ersten Nachkriegsjahren des Aufbaues der eigentliche Werkzeugbau. Schon 1957 war die erste Spritzgußmaschine in Betrieb genommen und die Werkhalle nahe dem Bahnhof, das Werk II, 1963 gekauft worden. Dort konnte 1976 der Betrieb wesentlich erweitert werden. Es wurden Spritzgußformen zur Herstellung thermoplastischer Kunststoffe produziert und Kunststoffteile verarbeitet.

Bald wurden Heimag-Produkte in alle Welt verkauft, viele Messen im In- und Ausland besucht. August Heinzerling nahm bis zum Tode noch regen Anteil an allem Geschehen seines Betriebes, den er oft aufsuchte. Er freute sich, daß unter Sohn Karl alles „gut lief“ und er am 18.Oktober 1984 das 50jährige Jubiläum des Unternehmens mit hoher Prominenz als Gästen feiern konnte. Zum 85. Geburtstag am 19.Februar 1984 überraschte ihn sein Sohn mit einem kleinen Gedichtbändchen. Er hatte alle Gedichte des Vaters, nicht zuletzt in den „Morschener Nachrichten“ veröffentlicht, gesammelt und drucken lassen. Weihnachten 1987 konnten Käthchen und August die Goldene Hochzeit und - wenn auch schon etwas geschwächt - August 1989 seinen 90. Geburtstag feiern, im großen Familien- und noch größeren Freundeskreis, zu dem auch der Männergesangsverein und der Heimat- und Ge-birgsverein, dem er viele Stunden schenkte und den er mit seiner Viola erfreute, zählten. Seine Lebensphilosophie faßt sein Wort zusammen: „Wenn du die Welt so siehst, wie du sie wünschst zu sehen, dann bleibst du jung. Siehst du sie aber so, wie sie wirklich ist, dann wirst du alt“.

August Heinzerling, ein schlichter, aufrechter Mann, eine große Persönlichkeit, die ein Werk im besten Sinne des Wortes schuf.


Der Rührfix




Zum Stadtjubiläum 1100 Jahre Kassel in der HNA vorgestellt.
HNA-Kassel............Freitag, 16. August 2013

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