Melsunger Allgemeine vom Samstag, 27. September 2003
Neue Perspektive für alte Gebäude
Konservatorin Katharina Thiersch kann auf dreißig Jahre Denkmalschutz in der Region blicken

Von Inge Thaetner

MARBURG. An manch historischer Stätte Nordhessens war sie von Zeit zu Zeit die bestgehasste Frau. „Ja, ja, das ist sicher so", Katharina Thiersch, Hauptkonservatorin beim Landesamt für Denkmalpflege, können solche Aussagen nicht mehr erschüttern. Dreißig Jahre für den Schutz der Zeugen nordhessischer Geschichte zuständig, hat sie reichlich Gelegenheit gehabt, Gelassenheit zu üben. Jetzt geht sie in Rente.

Katharina Thiersch (Foto: Berger)
Seit 1973 ist sie in der hessischen Denkmalverwaltung tätig. Und bis heute gilt uneingeschränkt der Satz aus der Laudatio zum 25-jährigen Dienstjubiläum 1993: „Mit zäherBeharrlichkeit, verbunden mit hoher fachlicher Kompetenz und menschlicher Bescheidenheit wirkt Katharina Thiersch an der nordhessischen Fachwerkfront - oft bis zur Grenze der physischen Belastbarkeit." Daran hat sich nichts geändert. Als wir Katharina Thiersch bei strömendem Regen wenigeWochen vor ihrem 65. Geburtstag treffen, klettert sie in Homberg gerade vom Gerüst der Marienkirche.
Für das Architekturstudium hatte das Elternhaus den Keim gelegt. Schließlich hatte der Vater als Stadtkonservator von Wiesbaden über Jahrzehnte wesentlichen Einfluss auf das städtebauliche
Gesicht der hessischen Landeshauptstadt. Nach dem Studium in Aachen bekam die junge Architektin ein zweijähriges Stipendium am traditionsreichen kunstgeschichtlichen Institut in Rom. Spätestens seit diesem Zeitpunkt war klar, dass die Arbeit hinter dem Schreibtisch eines Architekturbüros nicht der Berufstraum von Katharina Thiersch war. „Alten Gebäuden eine neue Perspektive zu geben", das erschien ihr viel spannender. Bauherren, die Werte derVergangenheit nahe zu bringen, statt für den Abriss für die Sanierung zu werben - daran setzte sie ihre ganze Überzeugungskraft. Und hat erfahren, dass viele Entscheidungen gegen den Denkmalschutz meist aus Unwissenheit getroffen wurden. Wer ihre Einwände als Ratschlag und Hilfestellung für den Erhalt eines historischen Kleinods begriff, machte gute Erfahrungen, war über das Ergebnis oft ausgesprochen beglückt. Zeitgenossen, die Regenwasser in die Mauern laufen ließen bis die Bausubstanz kaputt war, hat die Konservatorin zwar erleben müssen, zur Regel gehören sie glücklicherweise nicht.
Die großen öffentlichen Projekte wie beispielsweise Kloster Haydau in Morschen, die Totenkirche in Treysa, der Dom in Fritzlar sind Leuchttürme der Denkmalpflege in Nordhessen, die Katharina Thiersch besonders ans Herz gewachsen sind. So wie die vielen „fähigen Handwerker der Region", wie sie sagt, die sich für alte Techniken haben begeistern lassen, Fortbildungen in Kauf nahmen und nun mit Maurer-, Putz- oder Steinmetzarbeiten die professionelle Stütze im Denkmalschutz sind. Ihnen gilt auch die Zukunftssorge der Konservatorin. Bleiben die Aufträge aus, müssen Fachleute entlassen werden, deren Kenntnisse verloren gehen.

Melsunger Allgemeine vom Donnerstag, 30. Oktober 2003
Abschied vom Arbeitsleben
FRITZLAR. Mit einem Kolloquium, an dem Freunde, Kollegen und Fachleute teilnahmen, wurde die Hauptkonservatorin Katharina Thiersch vom Landesamt für Denkmalpflege in Fritzlar (Schwalm-Eder-Kreis) in den Ruhestand verabschiedet. Gemäß ihrer preußischen Tugenden hatte sie sich mit Antwortkarte korrekt angemeldet zur Feier: „Wir waren also vorgewarnt: Sie würde kommen", so ihr Chef Prof. Dr. Gerd Weiß, Präsident des Landesamtes für Denkmalpflege. Mit einer guten Portion Wehmut würdigten die Festredner das Engagement der überzeugten Denkmalpflegerin, die wegen ihrer Hartnäckigkeit im Interesse der Baudenkmale nicht unumstritten war. Fritzlar zeichnete sie mit der Ehrenplakette aus und dankte ihr damit für ihre Verdienste bei der Altstadtsanierung. (ULA)